Welt retten, aber achtsam.
- Annatina Escher Koromzay
- 27. Mai
- 5 Min. Lesezeit

Als Supervisorin und Therapeutin stand ich dem Marktphänomen “Achtsamkeit“ seit seinem Auftauchen kritisch gegenüber. Kein Wunder, hat mich mein innerer Algorithmus das neu erschienene Buch “Achtsam geht die Welt zugrunde“ der Rundfunkjournalistin und Podcasterin Kathrin Fischer finden lassen. Spoiler: der Inhalt wird, wie ich finde, dem knackigen Titel nicht gerecht, es war mir beim Lesen je länger, desto weniger klar, was die Autorin eigentlich will. Seitenweise Aufzählungen von (unbestreitbaren) Missständen in der aktuellen Weltlage, gespickt mit “da hilft Achtsamkeit auch nicht“ (obwohl sie es verspreche). Hinzu kommen wiederholt beschriebene eigene Erfahrungen mit “Achtsamkeit“, besonders erwähnenswert: sie erkennt, dass die Zenpraxis die Probleme ihres Lebens nicht löst. Sie schreibe das weder dem Zen und noch dem Zen-Lehrer zu, sondern “Die Ursache lag in meinen unklaren und unrealistischen Erwartungen an die transformierende Kraft der Achtsamkeit“. Aha.
Fischer kritisiert an der Achtsamkeit die Kommerzialisierung, deren Nutzung zur Selbstoptimierung, sie kritisiert, dass die Menschen sich, wegen der Meditation, nach innen richten, statt auf die Welt - Opium fürs Volk, kommt mir in den Sinn, schick die Menschen in “die Achtsamkeit“, dann denken sie nicht mehr über den Rest der Welt nach.
In einigen Punkten bin ich d’accord mit Fischer, aber sie verallgemeinert einfach zu vieles und zu oft, die begrifflichen Ungenauigkeiten und die Unmengen an Fässern, die sie aufmacht und dann angebrochen stehen lässt helfen der Sache nicht.
Nun gut – guter Aufhänger für mich, um ein paar Dinge mal zu sagen.
Die Geschichte. In Kapitel 1 rollt Fischer die Geschichte der Achtsamkeit aus mit den möglichen (oder nicht) Wurzeln im Buddhismus und dem was Jon Kabat-Zinn damit zu tun hat. Applaus dafür, weil “jahrtausendealte östliche Praxis“ weder korrekt noch per se ein Gütesiegel ist. Ich hätte ein paar lustige Beispiele “jahrtausendealter Praxis“, die Sie nicht re-implementieren möchten - aber ich halte mich zurück.
Aber leider landet in diesem Kapitel alles im gleichen Topf mit dem Etikett “Achtsamkeit“, sei es Zen, MBSR, der Buddhismus, Meditation, etc. Dazu eine Klärung:
“Achtsamkeit“ ist keine Methode, keine Technik, keine Heilslehre, sondern eine Qualität des Seins, eine Geistes-Gegenwart, ich würde ergänzen eine Geist-Körper-Gemüt-Umwelt-Gegenwärtigkeit, es ist eine Verfasstheit des Menschen. Aber der Begriff wurde gnadenlos annektiert und vermarktet von der deutschsprachigen Kabat-Zinn-Szene. Trotz allem Respekt vor der Marketingleistung - nicht mal VW hat sich mit “Das Auto“ so dezidiert durchgesetzt - im Alltag nervt das gewaltig! Das angepriesene Produkt heisst MBSR.
Ernsthaft betriebenes Zen wiederum, ist ein spiritueller Lebensweg, den man für sich wählt, angefüllt mit Üben, Verstehen, Zweifeln, Erkennen, Aushalten, Nachspüren, Suchen und Finden, hat nix zu tun mit einem Tool, das man in 8 Wochen lernen kann (MBSR). Die Idee, oder das Versprechen, dass Zen Probleme löst, wäre absurd. Aber Menschen, die für sich die Zenpraxis wählen, können möglicherweise besser Probleme lösen als andere.
Mit einer wachen, freundlichen inneren Haltung (achtsam!) sich selbst wahrnehmen, beobachten, wie man gerade da liegt, sitzt, steht, hat Moshe Feldenkrais schon in den 50er Jahren gelehrt (im Übrigen mit der Anleitung “scan your body“), nicht zu vergessen Elsa Gindler, ihre Schülerin Lily Ehrenfried und viele andere wichtigen Vermittlerinnen somatopsychischer Spürarbeit, die (unter Umständen) zu einer achtsamen Verfasstheit führt. Viele dieser Methoden sind gut etabliert und beforscht. Die entsprechenden Vermittler/innen solide ausgebildet, länger als acht Wochen. Es braucht nicht unbedingt die “fernöstlich gefärbte Version“ – wem’s gefällt, ok, ich find’s unnötig. Es gibt Alternativen. Viele.
Die von Fischer angesprochene Selbstoptimierung ist ein zweischneidiges Schwert. Hat nicht jede Anstrengung, die wir unternehmen, um uns zu entwickeln, uns zu verändern letztendlich den Charakter einer Optimierung? Patientinnen, Supervisandinnen und Coachees suchen mich auf, weil sie etwas an sich oder ihrer Lebenswelt verbessern möchten, nicht weil es ihnen irritierenderweise zu gut geht und sie das etwas drosseln wollen. Aber ja, und da gebe ich Fischer recht, von Grossbanken als Gesundheitsförderung angepriesene Resilienztrainings sind eine zynische Massnahme. Und es ist unbarmherzig, wenn man die ganze Verantwortung dafür, es in dieser komplexen spätmodernen Zeit “zu schaffen“ einfach dem Individuum zuschiebt (siehe dazu meinen Blog über Longevity).
Bedeutet? Die Motivation muss hinterfragt und reflektiert werden. Und zwar immer wieder, damit man nicht in die Self-Enhancement-Falle tappt (oder sich hinein schubsen lässt), damit man das, was man für sich tut, gerne und mit Überzeugung tun kann.
Die Kommerzialisierung ist zuweilen einfach lächerlich. Die richtige Hose, der Yogi-Tee-Spruch als Wandtattoo, der Buddha im Garten (im Ernst… würden Sie ein Gartenkruzifix aufstellen? oder ein Springbrunnen-Minarett?). Aber fernöstlich zieht, Yoga ist einfach irgendwie besser als Gymnastik, weil, so voll spirituell unterwegs... nicht nur Sport.
Und dass das zieht, ist ein Phänomen der multiplen Entfremdung. Entfremdung von sich selbst, von der Lebenszeit, von den Mitmenschen, von unserer Arbeit und von der Lebens(um-)Welt (also auch von der Politik, Ökonomie, Natur etc.). In der Entfremdung verliert man das “Gefühl für sich und die Lebenswelt“, man versteht die Sprache des eigenen Leibs nicht mehr[1]. Man glaubt, was auf dem Etikett steht, statt selber zu denken. Entfremdeten Menschen kann man vieles andrehen, weil eine Art Urteilsvermögen fehlt. Entfremdung ist eine Potenzierung der Distanzierung und sie macht krank. Entfremdete Menschen nehmen nicht mehr teil, sie denken und agieren nicht mehr bezogen, einige stärken sich mit einem Fischbrötchen, bevor sie Timmys Rettung in Angriff nehmen.
Gegen Entfremdung hilft Begegnung mit sich, mit der Natur, den Mitmenschen, etc. Und dabei hilft - jetzt wird’s brisant - die Qualität der Achtsamkeit. Und zwar komplexe Achtsamkeit, ein Begriff, der bei Fischer ganz fehlt, komplexe Achtsamkeit, wie sie H.G. Petzold beschreibt, die sich nicht nur individualisierend auf die körperliche, kognitive, emotionale Ebene des Menschen, sondern immer auch auf gesellschaftliche, kulturelle, ökologische und ökonomische Aspekte bezieht[2]. Komplexe Achtsamkeit richtet sich auf das Lebendige an sich, also auch auf die ökologische, soziale und politische Seite unseres Seins. Und ist eine Qualität von Achtsamkeit die - entgegen Fischers Postulat – sehr wohl ausserhalb des Privaten wirkt. Man kann sie nicht lernen, aber man kann sich darin üben. Sie findet im Alltag statt, immer wieder, lebenslang. Sie ist eine Qualität von transversaler Vernunft, die sich der komplexen vernetzten Vielheit des Lebens stellt.
Heisst konkret? Statt in den MBSR Kurs oder ins Yoga zu rennen: rausgehen, leben, innehalten, hinschauen, dazwischentreten, eingreifen, Stimme erheben, interagieren, begegnen, sich nicht drücken, etwas erleben, spüren, zum Ausdruck bringen. Sich in komplexer Achtsamkeit üben (wie auch immer - fragen Sie ihre Therapeutin oder Supervisorin… oder sich selbst!). Und sich dabei bewusst sein: Achtsamkeit ist keine Technik, keine Lösung, sie braucht keine Buddhafigur, keine besondere Kleidung und ist kein Wundermittel, sondern eine Verfasstheit, in der man sich und der Welt begegnet.
Das macht den Unterschied. Insbesondere dann, wenn einen ob der aktuellen Weltlage eine nicht enden wollende Aporie einholt.
Kommerzialisierte Achtsamkeit und Entfremdung bringen Menschen dazu in den naturgeschützten Kieseldünen Westfrankreichs “nach (pseudo-)Zen-Art“ flache Steine aufeinander zu schichten. Komplexe Achtsamkeit bringt Menschen dazu dies nicht zu tun, weil das Umlagern der Steine eine für den bodenbrütenden Gravelot (ein Vögelchen) störende Veränderung seiner Lebenswelt ist.
Und wenn man sich das skaliert vorstellt, wird klar: Achtsamkeit ist eben doch wichtig, um die Welt zu retten – komplexe Achtsamkeit.
Lesen!
Denken an den Übergängen – ein Text über vernetzte Vielheit, komplexe Zeiten und darüber wie Beratung und Supervision damit umgehen (könnten).
Mehr über komplexe Achtsamkeit finden Sie hier.
[1] Apfalter, Stefan, Höfner: Grundbegriffe der Integrativen Therapie
[2] Wölfle, C.; Petzold H.G.; Mathias-Wiedeman,U.: Unterwegs zu komplexer Achtsamkeit


